Joy

Am 14.08.2013 telefonierte ich zum ersten Mal mit Ilona Gehrig und sagte ihr, dass ich gerne einen Hund möchte. 
Wir telefonierten lange, Ilona fragte mich, was denn der Hund „erfüllen“ muss und meinte am Ende des Gesprächs, sie hätte da einen Hund im Sinn, der „passen“ könnte.
 
Sofort nach dem Telefonat schickte sie mir Bilder von Joy – einem 8-9 jährigen Boxer-Pinscher-Mädchen. 
Die Worte meiner Tochter: „oh Mama, die hat ein total süßes Gesicht!“ Ich erschrak zuerst, denn ich dachte: „das ist ein Riesen-Hund, der passt nicht in meine Wohnung!“ 
Ilona nahm mir diese Bedenken schnell, kam 2 Tage später zur Vorkontrolle bei uns vorbei, meinte, das würde wunderbar passen und weitere 2 Tage später – am 18.8.2013 – fuhren wir gemeinsam Richtung Hameln, um Joy in der Hundepension abzuholen, in der sie sich befand. 
 
Ilona erzählte mir auf der langen Fahrt ein bisschen aus Joy’s Leben….. aus der Tötung geholt, „aufbewahrt“, rum gereicht, adoptiert und wieder zurück gegeben…. das hörte sich alles furchtbar traurig an und ich dachte bei mir: „ oh je…. was stimmt mit dem Hündchen nicht?“
 
Vor Ort angekommen, ging die Tür auf und da stand ein Hündchen, freudig schwanzwedelnd mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht, gerade mal kniehoch. Keinen Ton gab sie von sich, begrüßte uns aber total freundlich und hat sich sichtlich gefreut, dass endlich „Besuch“ da war. 
Ich das Hündchen an die Hand und bin erstmal mit ihr Gassi gegangen. 
Danach brachen wir auf in ihr neues Zuhause! So begann unsere gemeinsame Geschichte….
 
Zuhause wartete natürlich auch meine Tochter total gespannt auf das Hündchen. 
Joy kam, sah und siegte! 
Am selben Abend lag sie zwischen uns beiden auf der Couch und fühlte sich dabei sichtlich wohl.
Sie war ganz im Glück, dass in jedem Raum und auf dem Balkon Decken und Betten für sie waren, sie bekam selbst gekochtes Essen, Menschen, die es gut mit ihr meinten; für Joy hing der Himmel ziemlich schnell voller Geigen. 
Zu keiner Zeit aber war Joy fordernd, aufsässig…. sie war einfach ein genügsames Hündchen, das sich über alles freute, ganztägig mit dem Schwanz wedelte und nach und nach ihren Menschen vertraute, dass die sie nicht wieder wegbringen. 
Sie integrierte sich in Windeseile in unsere kleine Familie und konnte super alleine bleiben, wenn wir aus dem Haus mussten. Niemals wäre ihr eingefallen, etwas kaputt zu machen oder auch nur einmal zu bellen – nein, Joy verbrachte die Zeit mit dem, was sie mit am liebsten tat: schlafen! 
Aber die Freude war riesig, wenn wir heim kamen und sie beschmusten. Einfach ein Traumhund!
 
Aber nur der „perfekte Hund“ wäre ja auch zu einfach gewesen. Es stellte sich schnell heraus, dass Joy ziemlich genervt auf andere Hunde reagierte. 
Immer wieder haben wir uns gemeinsam mit der Hundetrainerin daran versucht, doch das Mädchen war nicht bereit. Aufgrund einer alten Verletzung am Hinterlauf wussten wir nicht immer, ob es evtl. an Schmerzen lag, dass sie nicht wollte, dass andere Hunde ihr zu nahe kamen. 
Oder vielleicht an der nachlassenden Sehkraft? 
Konnte sie nicht mehr richtig erkennen, ob die Hunde in freundlicher Absicht auf sie zukamen? 
Eine SDU wurde festgestellt und Joy bekam Tabletten in der Hoffnung, dass es sich dann bessert.
 
 
Ihre Nerven waren nicht die stärksten – das war spätestens klar, als sie nach einer Hundebegegnung, bei der sie sich aus ihrem damaligen Geschirr schälte und auf den anderen Hund zustürmte, einen Schock hatte, der mich in Angst und Schrecken versetzte und mich zwang, sofort in die Tierklinik zu fahren……
 
So war Joy – bei anderen Hunden permanent auf Krawall gebürstet, ansonsten ein Familienmitglied, das sich einfügte, als wäre sie schon immer da gewesen, wartete bis sie dran war, sich dezent hinten anstellte, bis ihre Zeit kam und grinsend jede Streicheleinheit entgegen nahm.
 
Bis zum 24.2.2015….. da hatte Joy ihren ersten ganz leichten und kaum genau definierbaren epileptischen Anfall. 
Am nächsten Tag folgten innerhalb von 18 Stunden weitere 5 sehr schwere Anfälle. Tags darauf bekam sie Tabletten vom Tierarzt. Sie brauchte weitere 2 Tage, um sich von den Anfällen zu erholen, war total ängstlich und verstört, was da mit ihr passierte, körperlich völlig geschafft, unsicher……zum Glück hatte ich die Möglichkeit, bei ihr zu sein….
 
Dann war eine Woche trügerische Ruhe. Ich war im Glück, weil ich dachte, dass die Tabletten wirken und wir das sicher in den Griff bekommen. Telefonate mit Fachleuten und Betroffenen halfen mir sehr weiter, denn ich bekam quasi im „Crash-Kurs“ erste Eindrücke über Epilepsie, ohne zu hyperventilieren…..
Doch genau eine Woche später hatte Joy in der Zeit von 1 Uhr nachts bis 17 Uhr am nächsten Tag ca. 30-40 Anfälle. Nicht mehr ganz so stark wie beim 1. Mal, aber trotzdem natürlich unglaublich anstrengend und Angst einflößend für den kleinen Körper und vor allem für die geschundene Seele. Wieder hat die TÄ ihr Bestes gegeben, wieder eine neu abgestimmte Medikamentengabe – gleichzeitig wurde mir klar gesagt, dass es sich um Cluster-Anfälle handelt, die quasi nicht in den Griff zu bekommen wären. Man bereitete mich von allen Seiten darauf vor, dass sich „Ömchen“ auf den Weg macht zu ihrer letzen Reise……
 
Joy hatte große Not. 
Wollte und konnte keine Sekunde mehr alleine bleiben. 
Folgte mir auf Schritt und Tritt und hatte förmlich die permanente Angst im Nacken. Draußen war sie völlig unsicher, wollte immer schon bei Tagesanbruch gassi gehen, da war keine große Gefahr, einem anderen Hund zu begegnen, sie wusste, dass sie wehrlos war. Jetzt war sie nur noch ein Nervenbündel. 
In der Wohnung schlief sie quasi ganztägig, außer sie wurde von mir zum Spaziergang „genötigt“, oder wenn sie Anfälle hatte. Da lief sie permanent durch die Wohnung, fand keine Ruhe, war völlig fertig.
 
Die letzte Woche machte mir ganz deutlich, wie gezählt unsere verbleibenden Stunden sind. Joy wurde täglich schwächer, ängstlicher und verzweifelter. Ihr Blick leer, zugedröhnt von den Medikamenten. An der Leine ein Stoffhund, den man hinter sich herziehen muss. Sabbernd, teilnahmslos….
 
Immer wieder war sie nicht in der Lage, überhaupt die paar Meter bis zur nächsten Grünfläche zu gehen, um ihr Geschäft zu verrichten. Ich trug sie, setzte sie ab, musste sie beim Pinkeln stützen, weil sie sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Sie sah mich an und ich trug sie wieder zurück. Sie hatte keinerlei Interesse mehr an den Fährten ihrer „Hunde-Feinde“, der Kopf hing, die Rute eingekniffen.
 
Wir hielten „Zwiesprache“ und Joy zeigte mir deutlich, dass sie keinen Bock mehr darauf hatte. Wo sie mich anfänglich mit einem flehentlichen „mach-das-weg-Blick“ angeschaut hat, war nur noch Resignation, Verzweiflung, Unverständnis.
 
Ich konnte das nicht mehr ertragen und erinnerte mich zunehmend daran, dass ich ihr an unserem 1. gemeinsamen Tag versprochen hatte, dass ich nicht egoistisch sein werde, dass sie den Rest ihres Lebens sicher sein würde und dass ich den Weg in jedem Fall mit ihr zu Ende gehen werde, sie nicht allein lassen werde. 
Die Verzweiflung darüber, ob ich mich tatsächlich zum Richter über Leben und Tod aufspielen dürfe, wich einem Gefühl von Verantwortungsbewusstsein. Ich war verantwortlich, dass es dem Hündchen gut geht! Diesen Schuh hatte ich mir am 18.8.2013 angezogen und musste den Weg am 27.3.2015 zu Ende gehen…..Ich zweifelte immer daran, ob ich Hunde-Amateur tatsächlich den „richtigen“ Zeitpunkt erkennen würde. Jetzt bin ich sicher, ich habe ihn erkannt und ich hoffe, Joy ist mit mir im Reinen.
Sie schlief so friedlich in meinen Armen unter meinen Küssen ein, während ich gemeinsam mit der Tierärztin weinte.
 
Joy
 
Ich werde dich nie vergessen und hoffe, es geht dir nun besser auf deiner Wolke und du hast endlich deinen verdienten Frieden.
Wir hatten so wenig Zeit miteinander, dennoch hast du es wie immer perfekt getimt, dass wir uns in Ruhe auf den Abschied vorbereiten konnten. Du hast es uns leicht gemacht, dich zu lieben und dich gehen zu lassen. Ich hätte so gerne noch mehr Joy gehabt - es sollte nicht sein. Ich lass dich gehen in dem Wissen, dass wir jeden einzelnen gemeinsamen Tag genutzt haben, dass du am Schluss deines Lebens das hattest, was dir zugestanden hat: bedingungslose Liebe, Respekt, ein warmes Nest. 
Du hast mir und Josy alles vielfach zurück gegeben! Mein erster eigener Hund, du hast mir meine Anfänger-Fehler geflissentlich nachgesehen, ohne dabei über die Stränge zu schlagen und dich zum „Familien-Oberhaupt“ aufzuschwingen. In deiner zurückhaltenden Art…einfach nur liebenswert!
 
Alles Gute mein Liebling, gute Reise, run free! Du warst die Beste! Meine Joy eben…

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