Paula (Potinha)

  • 23. Sep 2018
  • geschrieben von  Ilona Gehrig
Für Paula
 
* irgendwann im Jahre 2007 
+ 11.09. 2018
 
Lange stand ich vor der schmalen Holzbrücke,
die sich mit ihrem sanften Bogen spiegelte.
Es war eine Brücke zum hin- und hergehen,
hinüber und herüber. 
Ich stand einfach so, des Gehens wegen 
und wegen der Spiegelungen.
 
Die Trauer ist ein Gang hinüber und herüber.
Hinüber, dorthin, wohin der andere ging,
und zurück, dorthin, wo man mit ihm war
alle die Jahre des gemeinsamen Lebens.
 
Und dieses hin- und hergehen ist wichtig,
denn es ist etwas abgerissen.
Die Erinnerung fügt es zusammen, immer wieder.
Es ist etwas verlorengegangen.
Die Erinnerung sucht es auf und findet es.
Es ist etwas von einem selbst weggegangen.
Man braucht es. Man geht ihm nach.
Man muss es wiedergewinnen, wenn man leben will.
 
Man muss das Land der Vergangenheit erwandern, 
hin und her, bis der Gang über die Brücke
auf einen neuen Weg führt.
 
Paula, ich weiß noch als ich Dich das erste Mal sah, damals in der Garage mit Ana. Damals noch Potinha. Dieser tieftraurige Blick an einem ganz furchtbaren Ort, wo man Euch schon Jahre untergebracht hatte. Keine Sonne, kaum mal ein liebes Wort oder ein streicheln. Nie raus, kaum Futter und ständig wurde einer von Euch totgebissen.
Alle Hoffnung verloren und doch war da diese Frage - kannst Du mir helfen hier raus zu kommen?
Ihr wart so viele an diesem schrecklichen Ort und ich tat was ich konnte. Viele von Euch fanden ein Zuhause, nur für Dich wollte sich keine Möglichkeit auftun. Ein Jahr später sah sich Dich wieder, inzwischen zurück im Tierheim in Sintra auf dem eigentlich angedachten Agilityplatz, wenigstens wieder Sonne und etwas mehr Platz. Dafür hast Du Dir da wahrscheinlich Deine Leishmaniose eingefangen. Und immer noch dieser durchdringende Blick und tieftraurig ranntest Du hinter uns her,um wenigstens eine Streicheleinheit zu bekommen. 
 
Weißt Du Paula, Du warst so gar nicht mein Hundetyp und doch hast Du Dich mir von allen Garagenhunden eingegraben in meinem Herzen. Vielleicht auch weil Ana Deine Geschichte kannte und mir erzählte.
Du gehörtest einer alten Frau und diese hat Dich wegen nichtigen Gründen ständig halb tot geprügelt und Du hast Dich nie gewehrt und irgendwann wurdest Du beschlagnahmt und lebtest dann an diesem furchtbaren Ort, schon über 3 Jahre. Es dauerte noch zwei ganze lange Jahre bis wir umgezogen waren. Ana hat Dich in dieser Zeit wenigstens zu sich ins private Tierheim geholt und so in Sicherheit gebracht. Und ich habe mein Versprechen nicht vergessen und so konntest Du endlich im Dezember 2014 kurz vor Weihnachten zu uns kommen. Bianka hat Dich damals in Hannover mit Deiner Leidensgenossin Andorinha abgeholt und auch sie war ganz verzaubert von Dir (genau ihr Beuteschema).
Sie traf sich mit Uwe und mit diesem kamst Du dann am nächsten Morgen hier an. Nachdem Du erst mal kräftig Nori angeknurrt hattest, unsere kleineste Maus in der Hundegruppe, dachten wir schon, ohje das kann ja was geben. Aber Du hattest einfach nur Angst vor all dem Neuen und konntest noch nicht wirklich glauben, dass Du endlich auch mal Glück haben solltest in Deinem Leben. Du verbrachtest die erste Zeit fast ausschließlich schlafend und genießend in Deinem Cosybett und auch von Deinem neuen Futter warst Du sehr begeistert. Barfen war ja genau Deines. Alle die mit Dir zu tun hatten waren sehr berührt von Dir und Deiner Sanftheit und diesem intensiven Blick. 
 
Was hast Du uns Nerven gekostet am Anfang. Du wurdest und wurdest nicht stubenrein und dazu noch der Durchfall und ein schneller Schritt auf Dich zu und Du bist komplett zusammengebrochen. Was hatte man Dir bloß angetan... :-(
Und doch ging es nun langsam und stetig bergauf und Du hast gelernt, dass man seine Geschäfte draußen macht und machtest deutlich was Du von Schnee und Kälte hälst - nichts. 
Ja, Du warst eindeutig ein Sommerhund und liebtest es warm und kuschelig. Und Du warst so unglaublich viel Hund. :-)
Immer mir hinterher auf Schritt und Tritt und am liebsten auf mir drauf und dran - ich sagte oft - "och ne Paula, nicht so dicht, leg Dich doch mal woanders hin" und Du sagtest immer  -"ja ich habe Dich auch lieb." <3 
 
Deine Knochen und die Gelenke waren im schlimmen Zustand und so bist Du nur noch mit spazieren gegangen wenn es gut für Dich auszuhalten war. Aber immer wurde ich am Gartenzaun abgeholt und auch wenn es Dich große Mühe kostete, die Couch wurde erklommen, um neben mir liegen zu können. Es gibt wenig Hunde die so liebenswürdig und freundlich waren zu jedermann wie Du, Du hast wirklich alles und jeden geliebt.
 
Ich erinnere mich noch an einen Gassigang, da gingst Du nicht weiter obwohl ich Dich rief. Weil das so ungewöhnlich war bin ich umgekehrt und da saß eine Kröte auf Deiner Pfote und Du hast mich fragend angesehen. Wir haben sie runter gesetzt und ganz vorsichtig hast Du sie beschnuppert. Auch wenn Du oftmals wegen Deiner morschen Knochen über die anderen Hunde drüber gerumpelt bist, sie liebten Dich alle und lagen gerne bei Dir und Du warst die perfekte Hundemama für alle die wollten und eine Mama brauchten. Die einen wurden trocken geleckt wenn sie vom Regen nass rein kamen, die anderen bekamen die Ohren geputzt. Jeder der wollte durfte sich zu Dir oder auch auf Dich legen und so wurdest Du hier zu einer sehr wertvollen Freundin für uns alle. Du warst immer da und immer präsenter und Du die nie geliebt wurde und Dein Leben lang so schäbig behandelt wurdest warst endlich glücklich , weil Du nun endlich Deine Liebe weiter geben durftest. Kaum ein Hund den ich kannte ,hat so ein berührendes Wesen und obwohl klar war ,das Du sicherlich Schmerzen haben musst im Bewegungsapparat, Du warst immer gut gelaunt und immer freundlich und manchmal sogar richtig witzig. 
 
Dein Krallenwachstum hat nicht nur uns, sondern auch jeden TA zur Verzweiflung gebracht, jeden Monat mussten wir gehen, weil die Krallen in Rekordzeit wuchsen und Dich beim Laufen behinderten. Immer musste man Dir weh tun und immer verletzte man Dich dabei, weil man doch immer Leben erwischte. Das tat uns so leid und wir haben verstanden, dass Du nie dahin mit wolltest. Letztes Jahr resultierte daraus sogar eine Tetanuserkrankung. Wir haben sie rechtzeitig erkannt und konnten Dir zusammen mit Helga auch hier helfen und haben es gemeinsam geschafft auch das problemlos zu überstehen.
 
Eine riesige Freude hattest Du, wenn wir im Garten ein Leckerlisuchspiel veranstaltet haben oder einfach nur mit Dir im Gras saßen, um Dich ausgiebig zu streicheln. Es gab nun viele sonnige und gute Tage in Deinem Leben aber bis zum Schluss war da diese Angst in Dir das man Dir wieder weh tun könnte. Das die Menschen, die Du so liebtest wieder brutal über Dich herfallen würden. Ich sah es oft an Deinem demütigen und angstvollen Blick wenn man eine schnelle Bewegung in Deine Richtung machte oder es mal lauter wurde.
Du, die so 100%ig loyal war, das man für Dich eigentlich gar keine Leine brauchte, die so ausdrucksstark kommunzieren konnte nur mit den Augen und Ohren. Du, die mich sogar bellend verteidigen wollte, wenn abends und nachts wer in mein Zimmer kam, aber im Ernstfall maximal wen lieber geknutscht als verletzt hättest. Du warst auch einer der Hunde, die ich gerne eher gehabt hätte, so fröhlich, so sozial, so lustig mit Dir hätte man riesigen Spaß haben können. So aufdringlich und eifersüchtig wärst Du dann sicherlich auch nicht gewesen.
Ich denke ihr wisst, das Euch nicht viel Zeit bleibt und legt dann alles in die Zeit die Euch bleibt.
 
Allmählich wurde das Laufen schwieriger und Du lagst auch mal unten im Hundebett und nicht im Bett neben mir und Du kamst auch nicht mehr mit zum spazieren gehen und wartest lieber am Zaun auf meine Rückkehr, aber auch dazu hattest Du am Ende kaum noch Kraft. Wir haben Deine Schmerzmittel hoch gefahren nachdem Du deutlich machtest das Du deutlich mehr Schmerzen hattest als vorher. Danach ging es es Dir deutlich besser und Du warst auch wieder etwas aktiver und als ich nun wieder losging auf meine Nachkontrolltour dachte ich mit keiner Silbe daran, das ich Dich nicht wieder sehen würde. Ich war doch nur eine Woche weg und alles war gut. Naja, ich weiß Du mochtest wie die anderen nicht, dass ich weg gefahren bin, aber Du warst stabil und Du wusstest das ich wieder komme. 
Uwe sagte, alles war wie immer, er war sogar um 3.00 Uhr noch wach, da schliefst Du ruhig in Deinem Hundebett. Er wurde wach, weil er Dich röcheln hörte. Zu dem Zeitpunkt warst Du schon nicht mehr ansprechbar. Du wurdest im Schlaf von einem Lungenödem überascht und starbst kurz drauf selbstbestimmt in Uwe´s Armen, ohne das irgendwer hätte noch was tun können.
Am 11.09. 2018 gegen 7.00 Uhr. fast auf den Tag genau als ich Dich damals kennenlernte 2012.
 
Weißt Du Paula, ich habe mich immer gefürchtet vor genau diesem Augenblick, an dem mir Uwe anrufen würde und mir sagt, dass einer meiner Hunde gegangen ist ohne mich. Das ist schlimm und ihr wisst, ich will auch in solchen Momenten bei Euch sein. Auch Du wusstest das - Du warst oft genau dabei, wenn sich wieder einer von Euch auf die Reise gemacht hat. Und er erzählte mir, alles war ruhig und friedlich, alle Deine Freunde lagen um Dich rum und Uwe der Dich auch herbrachte geleitete Dich zur Brücke.
Ich saß da in meinem Hotelzimmer und schaute auf den Gardasee und wusste alles ist gut, niemals hättest Du in dieser Ruhe und mit diesem Frieden gehen können, wenn ich da gewesen wäre. Du warst doch ein braver und loyaler Hund, niemals hättest Du ohne Kampf aufgegeben. Es ist alles gut und war gut so wie es war. 
 
Paula, Du hast nun Deinen wohlverdienten Frieden und bist wieder frei. Ich vermisse Dich sehr Paula, Deinen durchdringenden Blick, der mich überall hin verfolgte.
Dein unbeholfenes hinter mir her laufen; selbst Dein anstupsen und mich pausenlos ablecken, wenn Du endlich glücklich neben mir Deinen Platz gefunden hast. Es ist sehr ruhig geworden und neben mir ist schmerzlich ein Platz frei geworden.
Paula ich liebe Dich und eines Tages werden wir uns wieder sehen ganz bestimmt. Bis dahin feiert Wiedersehensfreude mit den Dir vertrauten Hundefreunden, die dir bereits vorausgegangen sind und macht Euch eine tolle Zeit ohne Schmerzen, doofe Menschen und Begrenzungen.
Danke für Deine Liebe und dafür das Du nie die Hoffnung aufgegeben hast, dass am Ende doch alles gut wird. <3

Bildergalerie

Kontakt

Tiersinfonie Anou e.V.
Hölderlinstr. 8
74199 Untergruppenbach
Deutschland
+49 0171-5857030
E-Mail: info@tiersinfonie.de

Bitte verwenden sie unser

Kontaktformular

...suche mich in Lichtspuren

Spendenkonto

Volksbank Beilstein-Ilsfeld-Abstatt

IBAN:DE67620622150025842005
SWIFT: GENODES1BIA

Unterstütze Tiersinfonie